Nah

Oh, the Green and Red of Mayo – Visiting Belmullet

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, hier einmal von einem Ort erzählen zu dürfen, wie ich keinen zweiten kenne. Er wird den Lesern noch unbekannt sein, denn er ist für nichts berühmt und wird auch von niemandem besucht. Es gibt dort auf den ersten Blick schlicht und ergreifend – nichts.

Die Lage

Belmullet, so der Name des Örtchens, in dem ich ein Jahr als Au Pair gearbeitet habe, liegt zwischen dem Ballycroy Nationalpark und der stürmischen Atlantikküste. In einer Bucht ins weitläufige Grasland des westirischen County Mayo geschmiegt, könnte man es beinahe übersehen. Anders als Dublin, Galway und Cork – beliebte Ziele vieler Irlandreisender – gibt es hier keine Kunstfestivals, Kulturschätze und traditionsreiche Braukultur zu entdecken. Die Faszination eines Besuchs liegt allem voran im Alltäglichen – und in ihrem Kontrast zur einer deutschen Ortschaft ähnlicher Größe.

Luftaufnahme der Stadt (Copyright: Henry Wills)

Die Stadt – voll ausgestattet im Kleinstformat

Sozial- und Sprachwissenschaftler unter den Lesern haben mit Sicherheit schon einmal vom Konzept der kulturabhängigen Wahrnehmung gehört. Hört man als Mitteleuropäer das Wort „Baum“, ruft dieses unverzüglich das Bild eines Laubbaumes vors Auge. Bewohnern eines sonnigen Inselstaat dagegen wahrscheinlich eher eine tropische Palme.

Auf diese Art soll sich der Leser jetzt einmal eine ihm bekannte deutsche Ortschaft von vielleicht 1.000 Einwohnern vorstellen. Wie würde man sie beschreiben? Ruhig? Ländlich? Vielleicht „unpraktisch“? Schläfrige Einfamilienhäuser, ein paar wenige gestreute Geschäfte?

Belmullet ist in starkem Kontrast dazu ganz einfach eine eigene, kleine Welt. Bewohner versorgen sich selber, statt zwei Stunden zur nächstgrößeren Stadt zu fahren. Man kann hier also (in liebenswert kleiner Skala) zur Post gehen, ins Schwimmbad, zur Bibliothek, zum Rechtsanwalt, Inneneinrichter, Bastelladen, Zahnarzt oder Supermarkt. Es gibt eine Parfümerie und Friseure. Ein chinesisches Restaurant das sich vergebens bemüht, chinesisches Essen zuzubereiten. Einen Kindergarten und zwei Schulen direkt am Marktplatz (spätestens jetzt muss der deutsche Vergleichsort einstecken).

St. Patrick’s Day auf dem Markt – selbst die Parade zum Nationalfeiertag wird vor Ort ausgerichtet.

Sonntags geht es dann in eine der Kirchen – es gibt mehrere, hier spart der Ire bekanntlich nicht – und danach? In einen der acht Pubs. Gaelic football schauen, Heinecken trinken und mit Unbekannten wie mit alten Freunden plauschen. Denn wer Iren abseits der touristischen Hochburgen kennengelernt hat weiß, dass jeder Fremde hier mit Herzlichkeit, einem Pint und dem ein oder anderen Witz auf Kosten des Herkunftslandes begrüßt wird.

Die Gaeltacht – Unberührt irische Lebensart

Und gerade der seltene Besuch aus der Außenwelt macht Belmullet zu so einem perfekten Reiseziel, um ein ehrliches und unverstelltes Irland kennen zu lernen. Wenn hier in den Pubs Lifemusik gespielt wird, dann nicht, weil sich Durchreisende das für ein authentisches Landeserlebnis wünschen, sondern weil den Einwohnern danach ist. Die Gegend ist eine der verbliebenen Gaeltacht Areas des Landes – und damit ein besonders seltenes Gut irischer Lebensart. Man verabschieded sich mit „Slán“, Kinder werden mit „Suí síos“ an den Tisch geordert – die Alten unterhalten sich fließend.

Blumenpflücken in den Hügeln über der Stadt

Die Stadt – und man würde sie hier beinahe ein Dorf nennen – bewahrt sich eine Lebensfreude, die man lädlichen Siedlungen anderer Länder teils vergeblich sucht. Sie ist unverstellt irisch und unverstellt freundlich. Wen es einmal hierhin verschlägt, den wird Menschen finden, die Fremden willkommen heißen und es lieben, ihnen ihre Heimat zu zeigen.

Besser mit Motor – Der Nationalpark und die Küste

Neben der Faszination, dass man hier einige Tage in der Stadt verbringen kann, ohne etwas zu vermissen, ist für Besucher der Erkunden der umgebenden Natur natürlich unabdinglich. Wie die städtischen Anlaufstellen sind auch die Wanderwege der Umgebung trotz geringer Nutzung in fantastischem Zustand. Der Erris Head Loopwalk ist ein 6-stündiger Wanderweg ans Ende der Halbinsel, an dessen Höhepunkt man vom Ozean umgeben auf einem Felsen steht, nurnoch über einen schmalen Grad mit dem Festland verbunden. Im Nordwesten liegen verzweigte Wandernetze, die zu Inlandsseen führen. Zu Buchten mit vereinzelten Surfern, weitläufigen Dünen mit Lagerfeuerplätzen. Zu winzigen Farmhäuschen oder sogar einem Golfplatz – wenn man denn so veranlagt ist.

Einmal habe ich beim Herumwandern einen Schotterweg eingeschlagen, der stundenlang fortlief und nie zu enden schien. Gerade als ich aufgeben, wollte lief er in eine Aussichtsplattform über dem Meer aus, mit einem Schrein – für im Meer verlorene Freunde. Jeder Winkel dieser Insel ist es wert, erkundet zu werden. Jeder Hügel bietet den nächsten Ausblick, der einen denken lässt „schöner kann es nicht werden“.

Ein versteckter Gedenkschrein an der Küste

Gerade in der Weitläufigkeit liegt allerdings auch eine Einschränkung. Selbst ich als enthusiastischer Fahrradfahrer musste mir eingestehen, dass sich Tagesausflüge über einen gewissen Radius hinaus unmotorisiert als schwierig erweisen. Man kann sich im zwei Stunden südlich liegenden Ballina also ein Auto leihen oder einen der mehrfach täglich fahrenden Busse nutzen. Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit – Iren im ländlichen Raum sind eher verwirrt vom Konzept des freiwilligen Laufens. Egal ob man wandert, einen Kinderwagen schiebt oder mit Warnweste durch die Hügel joggt – der vorbeifahrende Ire wird anhalten und freundlich einen „Ride“ anbieten. Ob im Mercedes, einem kindergefüllten Familienwagen oder auf dem Traktor (ja!) – fußläufig Gestrandete werden mitgenommen. Also keine Sorge beim Erkunden – zurück kommt man immer 🙂

Don’t just take my word for it!

Belmullet ist für mich ein Ort, an dem man sich unerklärlich zu Hause fühlt. Weit von allen großen Fragen der Welt kann man hier nicht nur menschlich Perspektive gewinnen. Es gibt auch auch so viel Natur erkunden, dass ich nach meinem einjährigen Aufenthalt sicher war, immernoch nicht alles entdeckt zu haben.

Wenn es euch also einmal in diesen westlichen Winkel Irlands verschlägt – nehmt euch einmal eine Woche, um County Mayo zu erkunden. Vielleicht schafft ihr es ja sogar bis ganz hinter den Ballycroy Nationalpark, in die kleine Bucht der Atlantikküste am äußersten Ende der Insel. Ihr werdet es nicht bereuen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.